Sep 191998
 

Interview
Grassberg Connection Bremen
für den Chaishop.com
published in mushroom magazine #48 / october 1998

me: Wer ist die Grassberg-Connection?

Jenny: Die real Grassbergs, das sind drei: Nina, Friedemann und Jenny – eine Bastelschratfamily. Unsere Wohnung in Grassberg ist inzwischen zur Werkstatt und zum Dekolager mutiert, denn in jeder Ecke liegen Werkzeug, Farbtöpfe und Pinsel rum, alle Tische haben Farbkleckser, 90% der Daten auf unseren PC’s sind TIF’s oder GIF’s und unsere Bücher sind in Kartons gelandet, um Platz für Projektoren etc. zu machen. Schon im Treppenhaus hängen große Lotusblüten und Flügel, das geht durch die ganze Hütte weiter und auf dem Dachboden wachsen UV-Lianen. Wir arbeiten mit einigen Bremer Leuten zusammen, dem Birdbox, Ulli und Big Brother. Jeder macht zwar sein Ding, aber vorher anrufen und den anderen fragen, ob man etwas so bringen kann, tut man doch öfters, dabei entstehen dann immer wieder neue Sachen.
Friedemann: Unseren Namen haben wir von DJ alpha (André), der uns mit dem Psy Trance Virus infizierte – wir sind sein „Kontakt nach Grassberg“.

me: Welche Rolle spielt jeder von Euch in der connection?

Jenny: Ich bin vielleicht eine Art Triebfeder. Geniale Ideen und Träume gibt es bei uns viele – dank meines kleinen Arbeitswahnsinns wird dann auch was anfaßbares daraus.
Friedemann: Ich bin der Haustechniker und PC-Schrat. Gegenseitig sind wir uns die unerbittlichsten Kritiker und süßesten Lobhudeler.

me: Welche Art Deko macht ihr eigentlich?

Jenny: Das ist ziemlich unterschiedlich. Zu Anfang hing ich ständig mit den Flossen im Pappmaché, denn damit hatte ich auch vor meiner Goa-Deko-Zeit schon viel gearbeitet. Es entstanden Blüten, Fische, Masken, die Lianen, Aliens, Kugeln, Spiralen und der Phönix, ein Vogel mit sechs Metern Spannweite. Ich ging dann mehr zur Stoffmalerei über. Es entstanden große Banner, und „Techno-Brezeln“, so nennt man in Bremen die UV-Bilder mit einem runden Motiv in Flurofarben drauf, um die Kabel unterm DJ-Pult zu verdecken. Mit Projektionen habe ich lange auf Landfreakpartys gearbeitet und das für die Goapartys weiter ausgebaut. Ich mag es am liebsten, wenn die ganze Deko einer Party einem Thema gewidmet ist, und sie speziell für diesen event gebaut wird – ein Gesamtwerk. Ich finde es wichtig, daß eine Party eben auch optisch und atmosphärisch hält, was der Flyer verspricht.

me: Warum macht ihr Deko für Trance Partys?

Jenny: Wie gesagt, einen Deko-Fimmel hatte ich schon immer, aber eher so wohnungstechnisch und für „normale“ Partys. Da fehlte mir aber immer etwas, das ich auf den Psy-Trance Partys gefunden habe. Mir gefiel die Musik, die Deko und besonders die Menschen. Die ganze Lebensart war eine, wo ich mich, so wie ich war, nicht mehr verstecken oder verstellen mußte. Das war’s einfach. Das Gefühl ist bis heute so geblieben. Als mich Anfang 1997 DJ alpha in der Milchbar ansprach, ob ich nicht jemanden wüßte, der Deko für seine nächste Party machen könnte, ließ ich mich nicht zweimal fragen.
Friedemann: Was wir auf den Partys suchen, ist doch so eine Art Sinnestaumel. Das was wir sehen, muß genauso berauschend sein, wie das was wir hören, riechen usw. Oft gerät Deko in den Bereich von Kitsch, aber was soll’s – schließlich kommt es nicht auf das Bild dort auf dem Stoff, sondern auf die daraus entstehenden Phantasien in den Köpfen der Leute an.

me: Was fasziniert Euch so an der Goa-Lebensart?

Friedemann: Es ist die Ursprünglichkeit. Für mich sind die Partys Rituale, geschützte Räume in dem jeder erst einmal ganz stark zu sich selbst kommen kann. Es sind in Wirklichkeit ganz schöne Ego-Trips, die jedoch, bewußt als solche ausgelebt, gut und wichtig sein können.
Jenny: Mich fasziniert diese Atmosphäre des gemeinsamen Erschaffens und Feierns eines Rituals. Ich brauche das einfach in regelmäßigen Abständen. Ich glaube, sonst würde ich verkrampft und krank werden. Die meisten Leute in dem Bereich kommen früher oder später auf einen Kreativtätsflash und machen Deko, Musik oder legen auf oder machen alles zusammen und veranstalten dann noch die Party dazu.

me: Was macht Ihr beruflich?

Jenny: Ich unterrichte in einer Berufsschule das Fach Alten- und Krankenpflege, aber nur auf Honorarbasis. Ohne meine Dekoarbeit würde ich in dem Beruf abdrehen. Es ist ein hartes Kontrastprogramm.
Friedemann: Ich arbeite in einer Holzwerkstatt und baue Orgonakkus, aber das ist ein Thema für sich.

me: Die Deko ist also ein Zubrot?

Friedemann: Na ja, eher ein gesponsortes Hobby. Ich denke die Ausgaben an Material und Sprit überwiegen doch das, was man dafür reinbekommt. Wenn man die Arbeitsstunden mit einrechnet, wird einem schlecht.
Jenny: Deko ist im Grunde unbezahlbar. Wenn ich Deko schaffe, ist das die wertvollste Zeit meines Lebens, dafür kann man mich doch nicht bezahlen.

me: Woran arbeiten die Grassbergs gerade?

Friedemann: Wir arbeiten an neuen Projektionsgeschichten. Jenny hat gerade eine etwas aufwendigere Serie Bilder am Wickel, die sich jeweils auf eine Grundfarbe konzentrieren.
Jenny: Ja, für den Farbflash ohne Hoffmannstropfen. Probier es aus: blicke eine Minute lang auf eine grüne Fläche und drehe Dich dann um – alles erscheint total pink ! Seit Januar arbeiten wir an einer, für unsere Verhältnisse, richtig fetten Party im Oktober. Die Party wird „Digital Ritual“ heißen und seit Jahresbeginn basteln wir an der Deko…und der Organisation. Dafür entstehen u.a. einfache Bilder mit einem bestimmten Symbol und ein 3.000 Teile Projekt. Es wird sozusagen eine Deko-Release Party. Ach, und dann betreibe ich schon lange mein Unwesen auf Partys mit purem Aktionismus. Ich nehme Stoffe Farben und Pinsel mit und male (wenn erlaubt) Leute, Fahnen usw. an. Machen dann spontan irgendwelche Leute mit und legt gerade ein netter DJ auf, dann bin ich richtig happy :-)))

Photos von der Digital Ritual in Bremen
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me: Ist Euer Terminkalender für diese Saison schon voll?

Jenny: Was den Terminkalender angeht, sind wir ganz froh, zur Zeit nicht ständig dekomäßig rumfahren zu müssen. Wir wollen auch mal einfach nur feiern gehen können, ohne schon vor der Party vom Aufbau völlig fertig zu sein.
Friedmann: Man wird Jenny jedoch trotzdem nie ruhig herumsitzen sehen können. Irgendwas bastelt sie immer.

me: Jenny, woran denkst Du, wenn Du malst?

Jenny: Währenddessen ist es wie beim meditieren, erst mal blubbert das Hirn weiter und ich denke an so Blödsinn wie den Einkauf, den vollen Komposteimer oder die Begegnung der dritten Art auf der letzten Party, bis dann irgendwann Ruhe im Karton einkehrt und ich reagiere, zum Ärger meiner Mitmenschen kaum noch auf Reize aus der Aussenwelt. Um mir das zu erlauben, muß eine Menge an Überlegungen und Vorarbeit geleistet werden. Erstmal steht eine Party zu einem Thema an, in einer Location, mit einem Line-up, einer Performance usw. Das ergibt ein Gesamtbild und ich überlege, womit man dies optisch unterstreichen könnte, was paßt ? Es dauert nicht lange und schon geht es sozusagen mit mir durch. Und ich mache so lange wilde Vorzeichnungen, bis die anderen nix mehr zu lästern finden. Der nächste Farbladen und Landhandel kann sich auf ein gutes Geschäft freuen. Eventuell finde ich noch etwas nettes auf dem Sperrmüll oder im Garten und ich kontrolliere meine Altpapier- und Stoffbestände.

me: Glaubst Du an Bewußtseinserweiterung durch Deine Kunst?

Jenny: Nein, das mußt Du schon selber machen. Die Bewußtseinserweiterung muß in Deinem Kopf oder Herzen geschehen. Bewußtseinserweiterung, heißt doch, daß Du eine Wahrnehmung außerhalb der gewöhnlichen Alltagswahrnehmung hast – Du bemerkst, daß so wie Du normalerweise aus der Wäsche kuckst, nur eine von vielen Sichtweisen einer „Realität“ ist. Nach meiner Meinung ist Dein Bewußtsein über die Maße der normalen Betriebswahrnehmung schon erweitert, wenn Du z. B draußen mitbkommst, wie schön das Moos zu Deinen Füßen wächst, die Farbe, wie weich es ist, wie es riecht ! Mit dem Wort Bewußtseinserweiterung hab ich so eine Assoziation: eine Zeichnung aus sehr alten U-Comics wo jemand dargestellt wird, dessen Bewußtsein sich gerade zu Brei erweitert.

me: Woran glaubst Du?

Jenny: Ich bin sehr dankbar, daß ich schon früh in meinem Leben auf eine spirituelle Sicht der Dinge gestoßen bin. Das ist ein gutes Handgepäck und eine Hilfe, um mit dem Ego einigermaßen klarzukommen. Zur Zeit habe ich jedoch große Bedenken, was die Glaubensgemeinschaften, die Religionen und ihre jeweiligen Realitätstunnel und Machtstrukturen betrifft. Ich glaube daran, daß wir mehr als Wesen dieser Welt sind, aber jetzt bin ich hier und das sehr gerne. Hier und Jetzt mit dem Ghettoblaster auf dem Geröllhügel, das ist Erleuchtung ! Ich glaube an die Liebe, Liebe muß man machen, Deko ist eine Form von Liebe.

me: Habt ihr noch eine letzte Message?

Jenny: Ich möchte den Partyleuten danken, daß sie so respektvoll mit der Deko umgehen. Zu Anfang sagte man mir, daß die Deko auf den Partys oft kaputt gemacht würde und ich sollte alles ganz hoch aufhängen. Inzwischen hänge ich z.B. meinen Phoenix ohne ein schlechtes Gefühl in greifbare Höhen. Die Leute gehen hin und streichen mal ganz sanft durch die Flügel, da freue ich mich drüber!

me.

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