Jun 182007
 

15.06.2007
Flughafen Düsseldorf. Air Berlin Kundenschalter.
Bei Fluggesellschaften lohnt es sich, nicht nur zu huebschen Stewardessen nett zu sein. Es folgen die erten Worte des Kundenberaters im O-Ton:
„Sie sind freundlich. Wollnse n Fensterplatz?“
„Sehr sehr gerne, ich stehe voll aufs fliegen.“
„Dann kriegense jetzt einen.“
Auf der boardingcard steht, man soll doch bitte seinen Sprengstoff und sein radioactives Material nicht mit an Bord nehmen. Ein prima Verbot. Ausschliesslich in english und nicht auf deutsch. Ich bin beruhigt.

Check-In.
Vor mir die Sicherheitsschleuse mit den Roentgenautomaten und ein Rudel Koetter Security. Die Bande benimmt sich, als haette sie den Karneval vorverlegt. Oder heimlich in der Aservatenkammer genascht.
Ein Maedel in Uniform meint, ich soll mein Sakko ausziehen.
„Noch was?“
„Ja, den Guertel bitte!“
„Guertel auf und Hose runter“ meint der Kleiderschrank daneben.
„Suesser, Du zuerst!“
Isch habe ga kein Guertel und zauber‘ dem Maedel ein Laecheln ins Gesicht, indem ich kurz mein Sixpaeck praesentiere.
Beim Reisenden vor mir gibt es ein Problem. Zwei Mehlmuetzen kommen naeher. Hand an der Neunmillimeter. Ein Teststreifen wird ueber die Reisetasche gezogen. Es liegt Spannung in der Luft. Die steigern wir jetzt mal. Ich schiele auf den Bildschirm und beruhige ihn: „Ach komm, rege Dich nicht auf, so’n Kilo Koks kriegen die hier auch nicht jeden Tag zu sehen.“ – „Mach‘ keinen Scheiss, ich habe die Tasche selber gepackt!“
Mindestens ein Dutzend Leute amuesiert sich ueber meinen liebevollen Spruch und die Schweissperlen auf seiner Stirn.
Endlich ein Grund zur Panik?
Nee, heute nicht, es war doch nur ein alter Walkman mit reichlich Kabelsalat.
Koetter Security? Die sind buchbar. Helau!

Wartezone.
Ich fluechte, bevor mir der Reisetaschenmann an den Ohren zieht und lande eine Viertelstunde spaeter in der emotionalen Steinzeit.
Es wird ploetzlich stockfinster und mir erscheint in einem hellen Licht: ein blonder Engel.
In 1.900 Millimeter Gesamtlaenge. Netto. Ohne Schuhe. Der Ring des Halters fehlt. Sabber. Sie saeuselt ihr Handy mit english voll, ist anscheindend ihr Chef dran, faehrt dabei ihr perfekt gepflegtes Fahrgestell in XXXL aus und wirft mir einen Blick zu.
Das Geschoss trifft mich zwischen den Augen, mein Kopf explodiert und der Restverstand verteilt sich in Form von Hirnmasse an der Decke.
Tropf. Sie kuckt nochma. Jetzt zerfetzt es mein Herz, alle ankonditionierten Werte und der letzte Funken Anstand gehen zu Boden.
Das wars. Was fuer eine Sauerei.
Innerhalb von Sekunden hat mich dieses Wesen ein paar Evolutionsstufen runter geschubst. Ich kann nicht mehr reden, will zurueck auf meinen Baum und habe ein unwiderstehliches Verlangen nach Bananen.
Geh‘ mir aus den Augen. Du Sau.
Oder setze Dich auf mein Gesicht. Sofort.
Die Monitore blinken mich an und ich kann nicht reagieren. Mit allerletzter Willenskraft torkel ich wie ein betrunkener Zombie in Zeitlupe auf den Schalter zu. Gefuehlte zwoelf Stunden spaeter habe ich mich an Bord gerettet.
SIE bleibt draussen. Glueck gehabt, doch keine Titelstory in der BILD.
Goettliches Federviech hat doch Fluegel, ich vergas‘, die lachen ueber Flieger.

An Bord.
Recht annehmbarer Sitzplatz. Drei Fenster. Vor mir fehlt der Sessel. Air Berlin, so gehoert sich das. Ich habe richtig viel Platz. Kniet‘ gleich ’ne Stewardess vor mir oder wie geht das weiter?
Hilfe, dieser emotionale Priapismus hoert einfach nicht auf.
„Wissen Sie, wo Sie da sitzen?“ meint der Flugbegleiter, der aussieht, wie ein junger George Foreman auf Ecstasy.
„Nö.“
„Sie machen den Notausgang neben sich auf, wenn es notwendig wird.“
Achso. Doch nicht mein Privatklo. Drei Meter neben der Turbine und mit ein paar Tonnen Kerosin in Armreichweite koennte das recht unentspannt werden, falls Chef heute ein paar von uns sehen will. Wird es aber nicht. Der hat vorhin mit seinem Lieblingsengel telefoniert und heute Abend was besseres vor.
Alle Air Berlin Maschinen in Duesseldorf stehen mit Toleranzen im Zentimeterbereich auf denselben Parkpositionen – ohne dass die Jungs an den Joysticks die Zielkreuze sehen oder einen Rueckwaertsgang einlegen koennen. RESPEKT. Sowas kriegen viele homo sapiens nicht mal mit einem Smart hin, die blonden Biester mit oder ohne Fluegel sowieso nicht.
Da hilft auch kein RedBull. Wer so beeindruckend parken kann, der macht mich auch im Simulator-Dogfight platt und ich muss heute ausnahmsweise nicht nach vorne, aushelfen.
Das Monster draussen jault los und der Vogel erhebt sich im 45 Grad Winkel Richtung Sonne.
Es geht ins Herz des schwarzen Reiches.
Vor mir die schoensten Farben blau und weiss, die dieser Sonnentrabant zu bieten hat, unter mir ein dreidimensionales Goggle Earth in der Liveversion. Meine Fresse, was ist das schoen!
Ich suche den Himmel nach dem dem gnadenlosen Engel von vorhin ab und druecke mir die Nase platt.
George kommt vorbei, will mir was zu trinken geben und wedelt mit Zeitungen. Geh‘ weg Suesser, ich bin beschaeftigt. Mein Sitznachbar im feinsten Businesszwirn schielt ueber seine Financial Times und guckt mich an, als wuerde mir ein Chromoson fehlen.
Mister Moellemann, Du hast Dir damals den coolsten Abgang ausgesucht, den jemals ein Politiker auf diesem Planeten fertig gebracht hat.
Hier versteht gerade einer, warum Du es genau _SO_ getan hast.

Willkommen in der schwarzen Zone.
Eine Tuer gleitet auf und entlaesst mich ins Reich der Bajuwaren.
Die vorab bestellten achtundzwanzig Grad Celsius wehen mir sanft entgegen, ein blau-weisser Himmel strahlt mich an.
Das ist Muenchen. Wie im Werbefernsehen.
Niemand wollte meinen Pass sehen und ein Visum brauchte ich auch nicht, die kennen hier sogar den Euro. Ein Prosit auf die EG!
Im Flughafen stehe ich auf horizontalen Laufbaendern, kilometerlang. Was fuer ein fussfaules Volk. Die importieren doch auch satt Gastarbeiter, weilse einem Ball selber nicht hinterher laufen koennen. Mein innerer Schweinehund singt: „Duuhdei! Duuhdeeeei! Bayern im UHHH-EVA-KAPP! Duuhdei! Duuhdeeeei!“ Komme heute bloss nicht raus, sonst regnet die GSG9 vom Himmel und sperrt uns in den Kaefig von Oliver Kahn.
Stachus? Was ist das? Keine Zeit, es herauszufinden. Einige huebsche Altbauten springen ins Auge. Edel. Edel.
Liebe Alliierten, da habt ihr wohl ein paar Meinungsverschiedenheiten mit der Flak mehr und reichlich Blindgaenger an Bord gehabt.
Ganz schoen gross hier.
Und nicht nur sauber, sondern rein, in dieser Stadt regieren Meister Proper und Miss AtaFee.
Ich brauche eine halbe Stunde Fussmarsch, bevor ich den ersten Muell auf dem Boden liegen sehe. Der entspricht natuerlich der weltweiten Norm, denn er stammt von dem amerikanischem Konzern mit dem grenzdebilen Clown und den verarmten Angestellten, die Hartz 4 kriegen, obwohlse malochen.
Perfekte Werbeeinlage, da gehe ich jetzt hin.

Essen mit Spass.
Ich bestelle Big Mac mit PommesMayo und ColaFlatrate.
Die Blagen sehen hier aus, als waeren sie dem Modekatalog vom H&M entsprungen und ihre Verhaltenskreativitaet erscheint mir nicht ganz so hoch, wie zuhause im Pott.
Am Tisch neben mir liest ein Berufsschueler den KICKER und schwaermt lautstark einer knackigen Eingeborenen von dem Zehn-Millionen-Neu-Einkauf des oertlichen Balltretvereines vor.
Duuhdei! Duuhdeeeei! DER schon wieder.
Sie kontert staendig, dass dieser neue Typ NUR GEIL aussieht und haelt ihm dabei zwei praechtige, fast komplett ausgepackte Quarktaschen unter die Nase. Die hatse aber nicht beim Clown gekauft. NUR GEIL. Sie sagt es ihm fuenf Mal in drei Minuten. Erdbeben im Quark. Ich bin gleich blind und beisse vor Vergnuegen ganze Stuecke aus meinen Pappbecher, nachdem ich mir schon den halben Burger durchs Gesicht geschmiert habe.
Sie gibt alles. Der Juengling rafft es nicht. UNFASSBAR! Es gibt doch schwule Fussballfans, vor mir steht der lebende Beweis. Das glauben meine homophilen Freunde im Pott sicher nicht.
Miss Muellermilch 2007 und ihr Begleiter verschwinden. Das war schoen.
Mein Zwerchfell tut weh. Gleich springt mir sicher irgendein C-Klasse-Prominenter ins Blickfeld und faselt was von versteckter Kamera.
Ich sehe aus, wie ein Vierjaehriger nach der ersten Juniortuete seines Lebens und begebe mich zum nachsten Waschbecken. Das Weiss blendet mich, so sauber ist das hier, ohne Sonnenbrille kann maNN nicht gepflegt seine Anaconda auswringen. Die permanent taetige Raumpflegerin kriegt ein fettes Trinkgeld, so viel Respekt muss einfach sein.

Fremdsprachen.
Einen Liter Zuckerbrause spaeter geht das Abenteuer weiter. Ruelps.
In der zweiten Tiefebene einer Unterfuehrung habe ich die Orientierung verloren. Ruelps. Ich frage einen Nahverkehrsangestellten hinter einer Glasscheibe nach dem Weg und verstehe nicht mal Bahnhof. Mit meinen Englishkenntnissen aergere ich Franz-Josef jetzt nicht, dazu ist der Mann viel zu nett. Ich finde das schon. Treppe rauf. Es geht weiter durch die belebte Stadt, strahlender Sonnenschein im Nacken, Richtung NordNordWest.
Beim Metzger sind „frische Fleischpflanzerl“ im Angebot, mangels Woerterbuch wage ich nicht zu fragen, was das sein koennte.
Ich sehe riesige Braukessel hinter Glasscheiben, that’s Loewenbraeu himself, und stehe kurz danach vor einem Biergarten. Hier mag ich mich hinsetzen und folgenden Spruch auf ein massverteilendes Dirndl los lassen: „ich moechte diesen Teppich nicht kaufen.“ Mal gucken, wie die dann guckt und was sie mir bringt.
Achja. N‘ Bierchen in der prallen Mittagssonne waere jetzt recht unschlau und ich gehe stiften, bevor das naechste Alpenpanorama am Horizont auftaucht.

Der Weltmeister.
Noch vierzig Minuten. Ich pflanze mich beim pizzabackenden Weltmeister an einen Tisch auf dem Buergersteig und bestelle einen doppelten Espresso. Kurz danach riecht nicht nur sein WC nach meinem Deo und ich sehe wieder halbwegs frisch aus.
Beim Bezahlen lasse ich der huebschen Dame am Nachbartisch den Vortritt, denn sie guckte nicht nur rueber, sie STARRTE mich minutenlang an. Ahnt sie etwa, was ich vorhabe? Als ich aufstehe, draengt mich der Weltmeister in ihre Richtung. Nanana, ist das seine Schwester oder laueft das hier immer so?
Sie wuenscht mir laechelnd einen schoenen Tag und ich sehe zu, dass ich ganz schnell Land gewinne.

Vor einer Polizeiwache.
Noch hundert Meter. Obwohl ich den ganzen Tach rumlaufe, wie ein verschwitzter Bankerschlumpf nach drei Achterbahnfahrten zuviel ist das Volk hier auffallend nett zu mir. Sehr sehr beeindruckend. Ich stecke mir erstmals im Juni das Hemd in die Hose und knoepfe es zu.
Die Reihe geparkter Pampersbomber glaenzt dermassen in der Sonne, dass ich nicht mal einen Spiegel brauche, um die Krawatte zu binden. Der polierte Lack reicht aus. Hier ist jeden Tag AutoWaschSamstag.

Ziel.
Der Kohlenhydratschub vom Burgerbrater zeigt seine Wirkung, die weltmeisterliche Coffeinbombe tobt durch meinen Kreislauf.
Eine Empfangsdame begruesst mich und verraet mir den Weg zum Spielfeld.

Anpfiff.
Guten Tag. Guten Tag. Ich will mein Leben zurueck.

* C U T *

ICE 522 19:51 MESZ Muenchen
Drei Stunden spaeter bietet das Grossraumabteil ein entspanntes Bild.
Hier laufen mehr Notebooks auf den Tischen als Frauen ueber die Gaenge. Schicke Herren in feinen Businessklamotten holen Pilsflaeschchen aus den Aktenkoefferchen und leiten das Wochenende ein. Alle hier saufen, lesen, ziehen sich einen mitgebrachten Film rein oder knacken. Ein normaler Freitagabend halt – im Wohnzimmer der Bahn.

ICE 522 01:07 MESZ Duesseldorf
Der Bankerschlumpf ist mit einer schlafenden Hausfrau alleine im Wagon. Leere Bierflaschen auf den Tischen klirren vor sich hin. Der Konstrukteur dieses Zuges kommt sicher nicht aus Muenchen, denn er hat die Muelleimer vergessen und die Konsequenzen liegen uberall herum.

Gleis 11 01:32 MESZ Hauptbahnhof Essen
Ich muss fuer die letzten Meter in die S-Bahn umsteigen, laufe ueber den Essener Bahnsteig und mich trifft ein Kulturschock. Was fuer ein geschichtstraechtiger Bahnhof. Hier gibt es den ersten VW Kaefer zu sehen. Besser gesagt, der Wagen ist nicht mehr da, dafuer sind seine Abgase an den Waenden und Decken heute noch zu bestaunen.
Der Boden bietet saemtliche Schattierungen der Farben grau und ist auffallend rutschfest, dank der Pflasterung mit durchschnittlich 499 Kaugummis pro Quadratmeter.
Im Essener Banhnhof ist die gesamte U-Bahn Ebene in Schwarzlicht getaucht, die Junkies sollen hier unten ihre Venen nicht finden und gefaelligst woanders verrecken. Und das da vorne sind keine Schulkinder, sondern der Babystri… Schluss jetzt. Essen ist nicht in meinen Top 10.

S1 01:47 MESZ Dixieland
Die S-Bahn ist gut voll. Mir stroemt der Duft von frischem Bier und altem Schweiss entgegen. Ich erwische einen der letzten Sitzplaetze, schlauerweise neben dem Durchgang zum naechsten Wagon. Der Weg zum einzigen Abort des Zuges ist sehr ueberschaubar. Ein zarter Hauch von gaerenden Faekalien streichelt meine Nase, fast so erfrischend, wie auf einem vollem Dixiklo im Hochsommer.
Der Durchgang neben mir geht auf, aus dem Hauch wird ein Orkan oder nasal formuliert: das volle Dixie kippt auf die Tuer und ich sitze drin. Traumhaft.
Ein Securitygorilla will meine Fahrkarte sehen. Sein maechtig wichtiges Gehabe erinnert mich an alte SchwarzWeissFilme mit einen schlecht gelaunten Joseph Goebbels in der Hauptrolle. Dieser Verhaltensprimat wird nie fuer Koetter Security arbeiten. Ich muss mich zusammen reissen, um ein Haar verziere seine Springerstiefel mit einem Muenchener BigMac.

02:03 MESZ Die Perle
Eine laue Juninacht. Ich spaziere durchs Bermudadreieck und lausche dem schoensten Geraeusch dieser Stadt. Es ist das Gebrabbel der vielen Leute, die hier draussen sitzen. Das rauscht so schoen, es moduliert fast wie eine Brandung.
Das war der schoenste Tag des Jahres. Muenchen hat mich maechtig beeindruckt, jahrzehntealte Vorurteile eines Inselkindes haben sich innerhalb von Stunden in Respekt und pure Neugier aufgeloest. Steht da wirklich Respekt im letzten Satz? Das muss ich einschraenken, denn eine gewisse Gruenflaeche und seine temporaeren Bewohner bleiben in diesem Leben und in allen anderen danach selbstverstaendlich davon ausgenommen…….Duuhdei! Duuhdeeeei!

Nun hat mich die Perle vom Revier wieder.

Hat sie das?
Nicht wirklich.

Montag 18.06.2007 14:58 MESZ

Das Handy meldet den TOUCHDOWN.

Ich habe in Kuerze einen feinen IT-Job.
Mit Zweitwohnung in Muenchen. Die Basis in Bochum bleibt.
Mein Serotininpegel erreicht langsam kriminelle Werte, denn ich bin

BACK. IN BLACK.

Danke fuers Lesen, ich wuensche Euch einen

GUTEN TAG.
ICH HABE MEIN LEBEN ZURUECK!

me.